Heinz-Peter Mielke berichtete bereits 1978 über die Weiher und Mühlen der Herrschaft Reifenberg1. In den "Oberurseler Mitteilungen" geht er in dem Artikel über die Beschreibung des Amtes Reifenberg detailliert auf die Situation derselben ein. Grundlage waren die Notizen und Zeichnungen des reifenbergischen Amtmanns, Johann Reichard Fabricius, die um 1675 entstanden sein müssten
Die "Arbeitsgemeinschaft der Geschichtsvereine des Hochtaunuskreises" widmete dem Thema "Mühlen im Hochtaunuskreis" ebenfalls eine umfangreiche Sammlung an Informationen2.
Aber auch Lokalhistoriker aus Reifenberg haben hierzu in den letzten Jahren zahlreiche Informationen zusammengetragen, Vor-Ort-Begehungen durchgeführt, alte Karten und Originalquellen aus verschiedenen Archiven analysiert und vieles mehr. Diese Erkenntnisse wurden bisher noch nicht dokumentarisch zusammengetragen, was im Jahre 2025 nachgeholt werden soll.
Wie wichtig die Vermittlung dieser Informationen ist, zeigt die Tatsache, dass Reifenberg, insbesondere Niederreifenberg, heute nicht mehr als ehemaliges Weiher- und Mühlendorf wahrgenommen wird. Genau wie die Nadlergeschichte ist diese in Vergessenheit geraten.
Auslöser für den Niedergang des Weiher- und Mühlenwesens dürfte ein Unwetter am 20. Juli 1811 gewesen sein, das die beiden letzten großen Weiherdämme zerstörte bzw. irreparabel machte. Die Pfarrchronik von Oberreifenberg berichtet darüber:
Die Nacht vom 20ten auf den 21. Juli war die schrecklichste und grauenvollste die Reifenberg noch je erlebt hat. Einige Stunde lang sah man starke Blitze und der fern rollende Donner kam immer näher. Endlich um halb 10 Uhr Abends hatte das schwere Hochgewitter unser armes Gebürg erstiegen, u. gänzliche Vernichtung unsere Bestimmung. [...]
Der Weiherdamm in Niederreifenberg war durchbrochen, die Brücke mit Plök u. Pfeiler fort, und am morgen fanden sich zusammenverbunden Kieselmassen von 4 schuh dick, 6 schuh lang und breit und um Mittag 12 Uhr war noch viele Gegend auf Feld und Wiesen mit weisem Hagel bedeckt, des stärksten Regens ohngeachtet, der bis 8 Uhr dauert ...
Am 3. August 1811 berichtet auch der bassenheimische Jäger Ludwig Usinger dem Forstmeister von Arnoldi von dem Unwetter am 20. Juli3:
Durch ein gestern Abend gegen 11 Uhr entstandenes Kisselwetter und Wolkenbruch ist das Wasser dahier zu einer so fürchterliche Höhe gestiegen, daß durch die Gewalt des selben der Weiherdamm zu Niederreifenberg weggerissen, und die Wiesen fort gänzlich überschwemt worden sind, woran auch die meisten Fische zugrunde gegangen und weggeschwemt worden sind, diejenige welche noch zu bekommen waren habe ich in den Hekkenheimer Weiher tragen lassen, auch ist an dem so genanten Markgraven oder Wäschbach-Weiher, der halbe Theil von dem Damm in der Gegend des Karnals hinunter in die Wiese gewichen und wan das Wetter noch eine halbe Stunde angehalten hätte, so wäre diesem wie jenen ergangen.
Nebst drei großen Weihern, die Fabricius zwischen 1675 und 1678 in seinem Tagebuch erwähnt, gab es zahlreiche weitere Weiher. Nahezu alle diese Weiher besaßen auch Stauwehre, die Mühlen oder ähnliche mechanische Antriebe mit Wasserkraft versorgten.
Die Analyse dieser Weiher und Mühlen aus den oben beschriebenen Quellen lässt sich auch heute noch anhand zahlreicher, zum Teil noch vorhandener Zeugnisse erkennen. Es ist jedoch notwendig, sie durch geeignete Quellen oder Mittel zu identifizieren, z.B. durch Flurnamenforschung.
So gibt es heute noch als amtliche Flurbezeichnung in Niederreifenberg den "Weihergrund", umgangssprachlich auch den "Weiherdamm" am Friedhofsweg oder "Die Müll" an der Einfahrt zur "von-Eichendorff-Straße". Aber auch eine "Pulvermühle", die "Pulverwiese" und ähnliche Namen sind in alten Stockbüchern4 schriftlich belegt.
Durch Gebäudeforschung konnten an verschiedenen Stellen Mühlenbesitzer nachgewiesen bzw. durch Käufe und Abgaben belegt werden. Teilweise reichen die Aufzeichnungen zurück bis ins 16. Jahrhundert.
Fabricius Beschreibung des "Ambt Reiffenberg"
Bevor wir mit der Darstellung der einzelnen Weiher und Mühlen beginnen, möchten wir kurz auf die Dokumentation und die Karte von Fabricius eingehen, mit der die intensive Erforschung begann.
Die abgebildete Übersichtskarte des "Ambt Reiffenberg" gibt es in zwei Versionen: eine große und eine scheinbar etwas kleinere Karte. Beide scheinen weitgehend identisch zu sein. Die zweite Karte konnten wir bisher nicht im Original im Landesarchiv Hessen ausfindig machen, sie war nur im Artikel von Mielke zu finden.
Die Karte ist Teil einer Sammlung von Beschreibungen und Informationen, die Fabricius seinerzeit offenbar im Sinne einer Marketing- und Verkaufsunterlage für den Verkauf der Herrschaft zusammengestellt hat. Daher mögen die quantitativen und qualitativen Angaben vielleicht an der einen oder anderen Stelle etwas übertrieben sein, aber in der Sache nicht zu beanstanden und weitestgehend verifizierbar.
Wenn Fabricius einen Weiher als reparirt bezeichnet, belegt dies zweifellos auch dessen Existenz. Neben den Weihern und den Mahlwerken bzw. Wasserrädern verzeichnet Fabricius auch Bäche, Brunnen und andere Dinge, die ebenfalls für das Gesamtbild und die Einordnung des jeweiligen Ortes wichtig sind.
Die folgende Tafel enthält eine Legende der in dieser Karte und auch weiteren Zeichnungen von Fabricius am häufigsten verwendeten Symbole:
Fabricius verwendet auch öfters ein leeres Kreissymbol bei einigen Orten, nicht zu verwechseln mit dem Mahlwerk-Symbol. Die Vermutung ist hier, dass zerstörte oder wüste Orte damit markiert wurden.
Auf der Karte fällt sofort auf, dass einige Orte wie beispielsweise "Veltberghausen" genannt sind, die später wüst geworden sind. Welche von diesen Orten dem 30-jährigen Krieg zum Opfer gefallen sind, ist unklar. Wir möchten diese ausgegangenen Weiler und Siedlungen nur kurz aufzeigen, deren wirtschaftlicher Umfang ist in der Mielke-Dokumentation etwas näher beschrieben:
- Polbergen - Ist vermutlich gleichzusetzen mit dem Feldbergkastell, welches früher über Jahrhunderte als "Waidhaus" bezeichnet wurde.
- Weilsbergen - Eine Siedlung am bzw. um den Weilsberg. Diese könnte aufgrund der Rotschieferbergwerke, aber auch wegen eines geplanten Burgbaus durch Margarethe von Hutten entstanden sein.
- Dutmannshausen - Eine Siedlung unterhalb Seelenbergs. Dort gibt es auch als Flurname noch den Dutmannspfad5. Hier war vermutlich nur ein kleines Gehöft. Der Name deutet nach Heinz-Peter Mielke aufgrund des Begriffes "Toter Mann" auf eine aufgelassene Grube hin.
- Veltberghausen - Vermutlich, abgesehen von Arnoldshain, der älteste Ort unseres Gebiets6. Dieses größere Gehöft könnte noch vor Reifenberg existiert haben. Fabricius zeichnete dort eine größere Kirche und mehrere Häuser ein, vermutlich nicht ohne Grund. Der Weiler wurde relativ sicher im 30-jährigen Krieg zerstört, was aufgrund der Hohe Mark Umgänge gut nachvollziehbar ist7.
- Oberdorf - Wüstung oberhalb von Arnoldshain, im Krötenbachtal gelegen.
- Nötgestal - Ebenfalls ein sehr alter Ort, der aufgrund eines fatalen Brandes zwischen 1685 und 1707 verlassen wurde. Dessen Einwohner siedelten damals nach Mauloff und Finternthal über, weshalb es einen Gerichtsstreit der Herrschaft mit den Bürgern von Mauloff gab. Die Herleitung des Namens vermutet Mielke aus "Notgottesthal".
- Gründorf - An der Quelle des Leistenbachs nördlich von Schmitten an einer Schiefergrube eingezeichnet.
- Faulbergen - Vermutlich eine Siedlung am Fauleberg östlich von Arnoldshain. Diese Siedlung dürfte mit einem Bergwerk zusammenhängen.
- Hinterweil - ein östlich von Dorfweil (früher als "Vorderweil" bezeichnet) gelegener Weiler, der an einem kleinen Seitenbach der Weil gelegen war.
Die Reihenfolge der Weiher und Mühlen in den folgenden Kapiteln orientiert sich weitestgehend an der Reihenfolge der Weiher in der Dokumentation, die überwiegend entlang der Weil angegeben sind. Die dabei ausgelassenen Weiher sind entweder nicht exakt identifizierbar oder werden in den letzten Kapiteln zusammengefasst.
1) "Mitteilungen des Vereins für Geschichte und Heimatkunde in Oberusel - Heft 21", ab S. 79ff "Eine geographisch-wirtschaftsstatisitische Beschreibung des Amtes Reifenberg vom Jahre 1675 und die Frage nach der Veränderung des Landschaftsbildes" von Heinz-Peter Mielke, 1978
2) "Mühlen im Hochtaunuskreis" (drei Bände) von Alexander Wächtershäuser und Ingrid Berg, 2012
3) [WI Abt. 333 Nr. 1882] Bericht des Forstmeister Arnoldi über und des Jägers Usinger über die Zestörung der Dämme.
4) Vorgänger der Grundbücher
5) Dutmannspfad = Totmannspfad, Pfad toten Mannes.
6) Dies wird belegt durch den Suffix "Hausen", den zumeist ältere Orte haben und die Tatsache dass in Urkunden des Altmünsterkloster in Mainz bereits zwischen 1130 und 1150 zwei Huben unterhalb des Feldbergs genannt sind. Bei diesen handelte es sich vermutlich um Besiedlungen in Arnoldshain und Veltberghausen. Veltberghausen ist zudem bereits 1320 als Dorf in einem Burgfrieden der Ganerben der Burg Reifenberg genannt.
7) Veltberghausen wird dort 1625 als "wüst" bezeichnet.



